Der Österreicher Roman Eberharter ist neuer Präsident der FENA (European Federation for Furniture Retailers). Im Interview erläutert er seine Ziele für die Interessensvertretung der Möbelhändler, wie Nachhaltigkeit umgesetzt werden kann und ob der Onlinehandel Chancen bietet. 

ambista: Herr Eberharter, Sie sind seit Herbst 2020 Präsident der FENA, der Interessensvertretung der europäischen Möbelhändler. Was wollen Sie erreichen? 

Roman Eberharter: Die FENA befand sich in den letzten Jahren im Dornröschenschlaf. Eine aktive europäische Interessensvertretung für unsere Branche ist im Moment aber wichtiger denn je. Wir stehen vor herausfordernden Zeiten und es wird richtungsweisende Entscheidungen brauchen. Daher habe ich beschlossen, mich der Herausforderung zu stellen und als Präsident zu kandidieren. Ich will unsere Interessensvertretung neu aktivieren – wenn man so will, eine FENA 2.0 auf die Füße stellen 

Wie soll das konkret funktionieren? 

Mein erstes Ziel ist klar: Es sind derzeit nur wenige Länder in unserer Organisation vertreten. Leider haben viele Mitglieder in den letzten Jahren ihre Tätigkeiten ruhend gestellt. Ich will diese Mitgliedsländer reaktiveren und sie neu motivieren. Dafür fehlen mir zwar im Moment die Messen für persönliche Gespräche, aber ich habe zahlreiche virtuelle Termine auf meinem Kalender. Ich bin sicher, dass das es uns gelingen wird, auch neue Mitglieder ins Boot zu holen. 

Gibt es noch weitere Ziele, die Sie sich für die erste Zeit gesteckt haben? 

Eine weitere Aufgabe wird es sein, Themen zu finden, die den Möbelhandel direkt und indirekt betreffen. Wir sind bereits im regen Austausch mit europäischen Partnern wie beispielswiese dem Industrieverband EFIC (European Furniture Industries Confederation, Anm.). Zahlreiche weitere Gespräche und Treffen auf europäischer Ebene werden folgen. 

Wie können Handel und Industrie in Zukunft stärker zusammenarbeiten? 

Politik und Endkunden unterscheiden nicht zwischen Hersteller und Verkäufer. Dabei betreffen gewisse Themen tatsächlich sowohl Hersteller als auch Händler, zum Beispiel die Nachhaltigkeit. Dazu gibt es viele Ideen in Brüssel, etwa die verpflichtende Altmöbelrücknahme. Wir sagen prinzipiell Ja zur Ökologie und zum Green Deal der EU. Doch die Lösungen sollten für die Branche nicht in mehr Bürokratie oder Mehrkosten ausarten, sondern es braucht praktikable Lösungen. 

Besteht nicht die Gefahr, dass man sich in der EU vor allem nach den Großen richtet? 

Gerade die Klein- und Mittelunternehmen sind für die Möbelbranche enorm wichtig. Big Player wie Ikea oder die XXXLutz-Gruppe beherrschen den Markt in Ländern wie Österreich. Es geht aber vorwiegend um die vielen KMUs, beispielsweise Küchenstudios oder Handwerksbetriebe wie Tischler, die zugleich Möbelhändler sind. Wir versuchen, deren Anliegen aufzuzeigen und so ein realistisches Gesamtbild des Möbelhandels gegenüber der Politik zu zeichnen. 

Sie haben als Schwerpunkt die Nachhaltigkeit erwähnt. Gibt es bei Themen wie Kreislaufwirtschaft in der Möbelbranche Aufholbedarf? 

Ich sehe da ein großes Potenzial: Recycling und Upcycling von Möbeln, Verlängerung der Lebensdauer und der Einsatz umweltfreundlicher Materialien sind wichtige Themen. Gerade billige Materialien erzeugen ja viel Müll, während beispielsweise Vollholzmöbel längere Lebensdauer haben. Zudem können gewisse Komponenten wiederverwertet werden.

Wir wollen insgesamt die Qualität der Möbel in Europa erhöhen. Im Green Deal der EU steht auch das „Right to repair“ als Schlagwort drinnen – das finden wir unterstützenswert. Das könnte lokale Netzwerke zwischen Händlern und Handwerkern stärken. Möbel müssen ja nicht immer ausgetauscht werden, oft besteht die Möglichkeit für eine Reparatur. 

Bei Lebensmitteln oder Elektrogeräten weiß man in den meisten Fällen, woher sie kommen – bei Möbelprodukten ist das oft nicht der Fall. Ist das ein Problem für die Branche? 

Das ist ein wichtiges Thema. Im Moment wird die Idee eines Produktpasses, den es auch in digitaler Form geben soll, heiß diskutiert. So könnte der Endkunde beispielsweise auf einen Blick sehen, woraus das Produkt besteht und woher es kommt, ob das Produkt repariert werden kann oder wie groß der CO2-Fußabdruck ist. Ich finde diese Idee nicht schlecht. Es muss aber klar sein, dass dafür der Produzent verantwortlich sein muss, nicht der Händler vor Ort. 

Sie haben vorhin die verpflichtende Möbelrücknahme erwähnt –könnte die kommen? 

Das ist noch sehr weit weg, aber wir müssen schon jetzt in dieser Hinsicht aktiv werden. Es ist nur eine von vielen Ideen, welche derzeit in Brüssel auf der Agenda steht. Es gibt in einigen europäischen Ländern schon Modelle bei der Möbelrücknahme, die zeigen, wie das funktionieren kann. Wir als FENA werden uns das auf jeden Fall genauer anschauen. Um sozusagen von Best-Practice-Beispielen zu lernen.  

Sind bei der Nachhaltigkeit auch Verpackungen ein Thema? 

Auch da gibt es bereits einige gute Ansätze, da derzeit ja enorm viel Plastikmüll produziert wird. Allgemein ist das Thema nachhaltige Verpackung ein weiterer Puzzlestein in einer Gesamtstrategie für ein nachhaltigeres Europa. 

Ein weiteres aktuelles Thema ist der Onlinehandel: Damit tun sich viele Möbelhändler noch schwer, oder? 

Bei Digitalisierung und E-Commerce gibt es noch viel Luft nach oben. Viele Unternehmen haben Angst, dass ihnen die großen Anbieter das Geschäft wegnehmen. Aber wenn ich online nichts mache, werde ich nicht gefunden. Es gibt sehr Beispiele, die wir nun vor den Vorhang holen müssen. 

Wir müssen gerade den kleinen Händlern die Hürden vor dem Internet nehmen und ihnen unterstützend zur Seite stehen. Wir wissen ja auch, dass fachmännische Beratung, Betreuung und Service weiterhin wichtige Punkte sein werden. Ein weiteres Zukunftsthema unter dem Titel Digitalisierung ist das Smart Home: Dabei kann der Möbel-Einzelhandel das Bindeglied zum Kunden sein. 

Aber fehlt wegen der Coronakrise nicht vielen Firmen die Möglichkeit, jetzt zu investieren? 

Das ist sicher ein Problem, aber es gibt in Österreich beispielsweise kostenlose Webinare der Wirtschaftskammer zu diesem Thema. Man kommt um Onlinehandel und E-Commerce einfach nicht herum, das wird uns weiterhin begleiten. Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit.  

Ist Amazon bald der gefährlichste Konkurrent des Möbelhandels? 

Amazon darf man nicht unterschätzen, das Unternehmen hat einen enormen Vorsprung im Online-Handel. Zudem wird es das Problem der letzten Meile auch im Möbelbereich lösen. Dabei ist es ja nur ein Marktplatz und verkauft nicht direkt Möbel. Es ist quasi ein Kaufhaus, wo ich als Möbelhändler meine Matratzen anbieten kann. eBay fällt beispielsweise auch in diese Kategorie. Gerade wegen solcher großen Konkurrenten müssen wir klein- und mittelstrukturierten Möbelhändler die Chancen der Digitalisierung nützen! 

Viele Händler suchen ihr Heil in scharfen Rabatten. Was halten Sie von den fortwährenden Rabattschlachten im Möbelhandel?  

Man kommt da sehr schwer wieder raus. Ich persönlich bin kein Freund von solchen Rabatten. Ein Produkt hat einen bestimmten Wert oder nicht. Statt den Kunden ständig zu ködern, wäre es wichtiger, den Mehrwert und die Stärken des jeweiligen Einzelhandelsgeschäfts zu betonen. Darüber hinaus ist die Wertschöpfung in der jeweiligen Region ein wichtiges Argument. Da gilt es, selbstbewusst aufzutreten und sich nicht zu Rabattschlachten hinreißen zu lassen.  

Zum Abschluss die allgemeine Frage: Wie geht es derzeit dem europäischen Möbelhandel? 

2020 war für den Möbelhandel wie für alle anderen Branchen sehr herausfordernd, aber in den meisten Ländern ist man mit einem blauen Auge davongekommen. Die Konsumenten wollten im Vorjahr viel für das eigene Zuhause tun, es gab auch weniger Reisen. Die Lieferschwierigkeiten oder Preiserhöhungen bei Materialien wie Spanplatten trüben das Bild, aber wir können optimistisch in das Jahr 2021 schauen.

Jetzt wäre es wichtig, dass die Lockdowns bald vorbei sind und die Menschen wieder zum Möbelhändler dürfen. Ich bin mir aber sicher: Gemeinsam werden wir den europäischen Möbelhandel wieder auf Schiene bringen. Dafür will ich meinen Beitrag leisten. 

Roman Eberharter ist Geschäftsführer von Betten Eberharter im Zillertal / Tirol. Seit September 2020 ist er Präsident der FENA – die Interessensvertretung von rund 100.000 Möbelhändlern hat ihren Sitz in Brüssel. Im Interview erläutert Roman Eberharter seine Ziele für die Interessensvertretung der Möbelhändler. 

Quelle: https://www.ambista.com/de/magazin/beim-e-commerce-gibt-es-viel-luft-nach-oben